Heuchelheim und seine Stolpersteine

Redebeitrag von Walter Bepler zum Abschluss der Verlegung der Stolpersteine in Heuchelheim am 9. Juli 2016, Ort: Altes Rathaus an der Gedenktafel

Liebe Familienangehörige von Karl Süßkind, dem einzigen Überlebenden der in Heuchelheim lebenden Menschen jüdischen Glaubens.

Verehrte Bürgerinnen und Bürger, die Sie mit ihrer Anwesenheit an der heutigen Veranstaltung zu einer echten Demonstration für friedliches Miteinander aller Menschen – egal welcher Herkunft und religiösen Glaubens – beigetragen haben.

Als ich von Frau Pfarrerin Weber gebeten wurde, als Sohn von Otto Bepler, dem Schulkameraden und Jugendfreund von Karl Süßkind, hier an dieser Stelle, quasi zum Abschluss der Aktion Stolpersteinverlegung, einige Sätze zu der damaligen offiziellen Enthüllung dieser Gedenktafel am 9. November 1988 zu sprechen, habe ich sofort und dankbar zugesagt.

Stolpersteine

Otto Bepler hat in der Gedenkstunde deutliche Worte über die Verfolgung und Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens im sogenannten Dritten Reich gefunden. Er hat aber auch über die fast teilnahmslose Reaktion der durch die totale Nazidiktatur eingeschüchterten Bürgerinnen und Bürger berichtet. Und hat auch die mehr als lasche Haltung der übrigen Nationen der Welt und des damaligen Völkerbundes, dem Vorläufer der UNO, deutlich angeprangert.

Zitate

Ich möchte einige seiner Aussagen zitieren; Aussagen, die heute angesichts der Flüchtlings- und Asylbewerberproblematik aktueller denn je sind:

Stolpersteine

Otto Bepler an seinem 90. Geburtstag

Otto Bepler sprach: Bis Ende 1937 verließen bereits 118 000 von den rund 500 000 Menschen jüdischen Glaubens ihre langjährige Heimat. Mit dem Einmarsch und der Okkupation Österreichs begann auch dort der Nazi-Terror. Immer mehr flüchteten aus ihrer gewohnten Umgebung. . . . . Schiffe, brechend voll von Flüchtlingen, irrten auf allen Meeren von Hafen zu Hafen, in der Hoffnung, irgendwo ihre Elendsfracht abladen zu dürfen.

. . . Was aber sagte, was tat das Ausland? Beeindruckt von diesen unglaublichen Vorgängen berief der Präsident der USA im Sommer 1938 eine internationale Konferenz nach Evian in der Schweiz ein. 32 Länder nahmen daran teil. Das Ergebnis war gleich Null. Alle Länder weigerten sich, die heimatlos gewordenen Juden bei sich aufzunehmen. Sie fürchteten, wirtschaftlich zu stark belastet zu werden.

. . . Nach der Pogromnacht am 9./10. November, in der in Deutschland fast 600 jüdische Gotteshäuser, Gemeindehäuser und Friedhofskapellen niedergebrannt, Tausende jüdischer Geschäfte gestürmt und geplündert, über 90 Menschen getötet und über 25 000 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden, gab es Reaktionen aus dem Ausland. Schaudernd nahm die zivilisierte Welt den totalen Vernichtungswahn zur Kenntnis. Ein Sturm der Entrüstung lief durch die ausländische Presse.

Doch diese Entrüstung hielt nicht lange an angesichts der politischen Entwicklung, die den nahenden 2. Weltkrieg ankündigte.

Flüchtlingsproblematik

An diese Sätze muss ich denken, wenn heute in Europa und weltweit über die Flüchtlingsproblematik diskutiert wird. Heute wie damals wollen viele nicht begreifen, dass die Fliehenden nur Menschen sind, weil sie aus politischen, religiösen und ethnischen Gründen verfolgt und ermordet werden, oder die aufgrund von Klimakatastrophen vor dem Hungertod ihre Heimat verlassen müssen.

Stolpersteine

Wir, und damit meine ich alle Länder dieser Erde, vor allem die wohlhabenden Länder, sind doch verpflichtet, diesen verzweifelten Menschen zu helfen, sei es durch vorübergehende Aufnahme, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können, oder aber durch finanzielle Hilfeleistungen, damit sie ihr Heimatland lebenswert aufbauen.

Stolpersteine Heuchelheim

Unterlassene Hilfeleistung

In unserem Rechtsstaat gibt es den Straftatbestand „Unterlassene Hilfeleistung“. Könnte man diesen Begriff nicht auch in das Völkerrecht hineinschreiben?

Ich komme zurück auf das, was wir heute morgen geschafft haben: Ich bin froh, erleichtert und dankbar, dass wir endlich auch in Heuchelheim diese Stolpersteine zur Erinnerung an die heimischen Opfer des NS-Rassenwahns setzen konnten. Es gab viele Diskussionen und viele unterschiedliche Meinungen, doch letztendlich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir die dunkelste Seite der deutschen Geschichte niemals unter den Teppich kehren können. Daher bleibt uns die Verpflichtung, dafür zu sorgen, zu arbeiten und zu kämpfen, dass sich solche Gräueltaten niemals wiederholen können.

Stolpersteine

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Wiesel, 1928 in Rumänien in einer Familie jüdischen Glaubens geboren, ab Ende 1944 Häftling in Auschwitz und Buchenwald, der sich nach seiner Befreiung bis zu seinem Tod nicht nur für das Wachhalten der Erinnerung an die Millionen Opfer des Holocaust, sondern auch und vor allem um die Versöhnung der Völker bemüht hat und der letzte Woche im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Im Jahre 2000 sprach er im Deutschen Bundestag:

Wer sich dazu herablässt,
die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln,
der tötet sie ein zweites Mal!

Pressespiegel

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